Erstes Berufsjahr in der Tiermedizin: Was wirklich zählt

Erstes Berufsjahr in der Tiermedizin: Was wirklich zählt

Nach dem Staatsexamen Tiermedizin: Deine nächsten Schritte Du liest Erstes Berufsjahr in der Tiermedizin: Was wirklich zählt 8 Minuten

In meinem ersten Jahr waren meine Vorgesetzten meine Ansprechpartner. Vor denen hatte ich teilweise Angst, und deshalb habe ich definitiv nicht alles gefragt. Feedback habe ich schon bekommen, aber meistens negatives. Was ich mir gewünscht hätte? Regelmäßige Updates dazu, wo ich eigentlich stehe und wie ich mich so mache.

Jetzt hat die FU Berlin eine Befragung von Tierärzt*innen im ersten Berufsjahr veröffentlicht. Wer dort eine betreuende Tierärzt*in hatte, war deutlich zufriedener, und mehr Feedback ging ebenfalls mit mehr Zufriedenheit einher. Überstunden hingen dagegen nicht messbar mit der Zufriedenheit zusammen.

Das erste Jahr muss man halt durchstehen?

So wird es ja oft erzählt. Das erste Jahr ist hart, viele Stunden, Notdienst, ins kalte Wasser, und wer das übersteht, ist danach eben Tierärzt*in. Ein Teil davon stimmt auch, und das will ich gar nicht kleinreden.

In der Berliner Befragung arbeiteten 52,6 Prozent mehr als 40 Stunden pro Woche, Überstunden eingerechnet, und die Hälfte machte schon im ersten Jahr Notdienst. Weitere 17 Prozent planten das.

Wenn die Stunden aber das Einzige wären, woran es hängt, blieben nur zwei Möglichkeiten: weniger arbeiten oder mehr aushalten. Am Montagmorgen im Behandlungsraum hilft dir beides nicht wirklich weiter.

Was die Berliner Studie gefunden hat

Wetter und Kolleg*innen von der Freien Universität Berlin haben Ende 2024 Tierärzt*innen befragt, die höchstens ein Jahr im Beruf waren (BMC Veterinary Research, 21.09.2026). 196 Antworten kamen in die Auswertung, 184 davon aus Deutschland, 11 aus Österreich und der Schweiz. Gemessen wurde mit dem Copenhagen Psychosocial Questionnaire, einem etablierten Fragebogen zu Arbeitsbedingungen, den es auch für viele andere Berufe gibt.

Die Berufseinsteiger*innen waren mit ihrer Arbeit zufriedener und ihrer Praxis stärker verbunden als der Durchschnitt in der deutschen Vergleichsgruppe des Fragebogens, die viele Berufe abdeckt.

Und womit hängt diese Zufriedenheit zusammen? Wer eine betreuende Tierärzt*in hatte, lag bei der Arbeitszufriedenheit 11,4 Punkte höher und bei der Bindung an die Praxis sogar 17,9 Punkte (auf einer Skala bis 100). Mehr Feedback ging mit mehr Zufriedenheit und mehr Bindung einher, Unterstützung im Team mit mehr Bindung und gute Führung mit mehr Zufriedenheit.

Bei den Überstunden fanden die Forscher*innen dagegen keinen messbaren Zusammenhang mit der Zufriedenheit. Auch Arbeitsmenge und emotionale Anforderungen hingen weder mit der Zufriedenheit noch mit der Bindung messbar zusammen.

Ganz egal ist die Belastung trotzdem nicht. Wer Notdienst machte, war im Schnitt 5,1 Punkte weniger zufrieden, und wer im Job Gefühle verbergen musste oder sich unfair behandelt fühlte, ebenfalls. 

Betreuung fehlt allerdings erstaunlich oft. Nur 64,5 Prozent hatten überhaupt eine betreuende Person. Beim Feedback lagen die Einsteiger*innen nur auf dem Niveau der Vergleichsgruppe, obwohl gerade Feedback so eng mit Zufriedenheit und Bindung verknüpft war. Einen strukturierten Einarbeitungsplan hatten 34 Prozent – ein eigenständiger Zusammenhang mit Zufriedenheit oder Bindung ließ sich dafür im Modell allerdings nicht nachweisen.

Was die Studie nicht zeigen kann

Es war eine freiwillige Online-Befragung und eine Momentaufnahme, Ursache und Wirkung kann man daraus also nicht ablesen. Außerdem sind Absolvent*innen aus München überrepräsentiert. Die Autor*innen nennen selbst beide möglichen Verzerrungen: Stark belastete Leute haben vielleicht seltener mitgemacht, Leute mit schlechten Erfahrungen vielleicht häufiger. Ergebnisse zu Burnout, Angst und psychischen Ressourcen wollen sie in einem zweiten Teil veröffentlichen.

Ansprechperson ist nicht gleich Begleitung

Ich hatte ja eine Ansprechperson. Trotzdem habe ich mich aus Angst nicht alles zu fragen getraut, und das Feedback, das kam, war meistens negativ.

Vorgesetzte sehen das oft anders – und meinen es dabei oft ja auch gut. Dazu passen zwei Studien. In kleinen und mittleren Praxen in den Niederlanden haben 94 angestellte Tierärzt*innen und 54 Vorgesetzte dieselben Fragen zur Unterstützung beantwortet. In allen Bereichen schätzten die Angestellten die Unterstützung niedriger ein als ihre Chef*innen (Sonneveld et al., American Journal of Veterinary Research, 14.10.2026).

Und dass es dabei auf die Sicht des Teams ankommt, dafür spricht auch eine Auswertung aus den USA mit 2.037 angestellten Tierärzt*innen in Privatpraxen. Wer erlebte, dass die eigene Führungskraft regelmäßig zeigt, dass die eigene Arbeit zählt, und klare Erwartungen vermittelt, wollte eher die nächsten fünf Jahre bleiben. Wer erlebte, dass einem Fehler nachgetragen werden, wollte das seltener (McKay & Vaisman, Journal of the American Veterinary Medical Association, 2023).

Wenn sich deine Chef*in nicht von selbst meldet, muss das also kein Desinteresse sein. Vielleicht geht die Person einfach davon aus, dass du gut versorgt bist. Wenn du selbst gerade jemanden einarbeitest, frag lieber einmal mehr nach, was die andere Person von dir braucht. Die Daten aus den Niederlanden sprechen dafür, dass deine Unterstützung sonst leicht anders ankommt, als du denkst.

Wie du dir Feedback holst, auch wenn du dich nicht traust

An der Struktur deiner Praxis kannst du als Einsteiger*in wenig ändern, an der Art, wie du nach Feedback fragst, schon eher. Am einfachsten geht das mit einem festen Termin. Frag nicht zwischen Tür und Angel, ob alles okay ist, sondern bitte um 15 Minuten alle zwei bis vier Wochen. So ein Termin nimmt beiden Seiten den Druck, und es geht dann nicht mehr nur um Fehler.

Für das Gespräch selbst helfen konkrete Fragen viel mehr als „Wie mache ich mich?“, zum Beispiel diese:

  • Was hat in den letzten Wochen gut geklappt?
  • Was sollte ich als Nächstes sicher können?
  • Bei welchen Fällen soll ich dich auf jeden Fall dazuholen?

Noch leichter wird es, wenn du einen echten Patienten aus der Woche mitbringst, bei dem du unsicher warst.

Und wenn nur Kritik kommt, frag nach einem Beispiel: „Kannst du mir eine Situation nennen? Was hättest du an meiner Stelle gemacht?“ Am Ende kurz zusammenfassen, wie im Anamnesegespräch („Habe ich das richtig verstanden …?“), dann geht ihr beide mit demselben Bild raus.

Wenn du Angst vor der Person hast, ist das natürlich leichter gesagt als getan. Gerade dann hilft der feste Termin, weil das Fragen damit normal wird und nicht jedes Mal Mut kostet.

Wenn deine Praxis keine Begleitung bietet

Nicht jede Praxis hat eben Zeit oder Struktur für eine gute Einarbeitung. Dann such dir Begleitung zusätzlich, außerhalb der Praxis – Kolleg*innen aus dem Studium, ein Mentoring-Programm oder eine Gruppe, in der man offen über schwierige Fälle reden kann.

Genau dafür haben wir Vetstarter aufgebaut. Im Vetstarter-Programm für Tierärzt*innen triffst du dich alle zwei Wochen live online mit Tierärzt*innen, die wissen, wie sich ein Neuanfang anfühlt, und arbeitest an echten Fällen. Zum Reinschnuppern gibt es einen kostenlosen Probemonat oder ein unverbindliches Erstgespräch. Und falls du gerade erst fertig geworden bist, findest du hier, welche Schritte nach dem Staatsexamen anstehen.

Das erste Jahr bleibt anstrengend, daran ändert auch diese Studie nichts. Aber sie zeigt ziemlich gut, wo man ansetzen kann, und das ist etwas, das du selbst anstoßen kannst. Tiermedizin ist für mich immer noch der schönste Beruf der Welt, und ich fände es schön, wenn niemand das erste Jahr allein durchstehen müsste!

Wie war das bei euch? Wer hat euch im ersten Jahr begleitet, und was hat euch gefehlt?

Über die Autorin

Frauke Bünsow ist Kleintierärztin. Nach ihrer Approbation 2017 in München arbeitete sie sieben Jahre in großen Kliniken und Überweisungspraxen, unter anderem als leitende Assistenzärztin, und bildete dort Anfangsassistent*innen und Interns aus. Ihre Schwerpunkte waren Innere Medizin, Sonografie und Echokardiografie. Heute verantwortet sie Vetstarter bei Inuvet Campus.

Quellen

Wetter A, Lorenz T, Doherr MG, Jensen KC. Part I of „Navigating the transition“: early-career working conditions, psychosocial demands, and job satisfaction among German, Austrian, and Swiss veterinarians – a first-year survey. BMC Veterinary Research, 2026;22:553. https://doi.org/10.1186/s12917-026-05923-9. Volltext bei PubMed Central, abgerufen am 16.10.2026.

Sonneveld DC, Bougie R, Langelaar M, Bok HGJ. Supervisor-employee perception differences in a survey of Dutch veterinary small- and medium-sized practices. American Journal of Veterinary Research, online 14.10.2026. https://doi.org/10.2460/ajvr.26.07.0322. PubMed, abgerufen am 16.10.2026.

McKay CH, Vaisman JM. Psychological safety, purpose, path, and partnership reduce associate veterinarian desire to leave current employment. Journal of the American Veterinary Medical Association, 2023;261(10). https://doi.org/10.2460/javma.23.03.0158

Titelbild: „Close-up of a veterinarian examining a maltese dog with a stethoscope“ von Nenad Stojkovic, Wikimedia Commons [LINK], Lizenz CC BY 2.0, zugeschnitten.